"Mittelfristig sollte jedes Unternehmen eine Klimaschutzstrategie aufstellen"

In Deutschland gehören 99 Prozent der Unternehmen zum Mittelstand. Durch das neue EU-Klimaprogramm steigt der Druck auf die Unternehmen, ihre Emissionen zu senken, gleichzeitig müssen diese aber auch ihre Wirtschaftlichkeit im Blick behalten.

Im Interview erklärt Projektleiter Frederik Richau, wie die Initiative „Klimafreundlicher Mittelstand“ des Bundesverbandes der Energie-Abnehmer (VEA) die Unternehmen auf ihrem Weg unterstützt, und wo es dabei energiepolitisch noch hakt.

Herr Richau, der Bundesverband der Energie-Abnehmer (VEA) hat die Initiative „Klimafreundlicher Mittelstand“ Ende November 2020 ausgerufen. Was war der Hintergrund dafür und worauf zielt die Initiative ab?

Die Politik verabschiedet immer strengere und komplexere Regelungen, um das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen. Dies stellt besonders energieintensive, mittelständische Unternehmen vor Herausforderungen. Der Wille zum klimafreundlichen Handeln ist bei allen da. Nur wie der Weg dorthin konkret aussehen soll und wie die Unternehmen dabei auch noch wettbewerbsfähig bleiben können, ist vielfach leider unklar. Genau hier möchte die Initiative die Unternehmen unterstützen und möglichst viele konkrete Lösungswege aufzeigen.

Im VEA sind über 4.500 Unternehmen Mitglied. Können Sie abschätzen, wie viele davon bereits eine Klimaschutzstrategie haben bzw. dies mittelfristig planen?

Es gibt durchaus eine Vielzahl von „Vorreitern“, die bereits vorbildliche Klimaschutzstrategien umsetzen. Nach unserer Wahrnehmung beginnt der Großteil der Unternehmen, sich mit dem Thema Klimaneutralität auseinanderzusetzen und erste Schritte einzuleiten, was sehr erfreulich ist. Denn dies ist die Basis einer strukturierten Klimaschutzstrategie. Wir sehen uns als Berater energieintensiver Unternehmen auch in der Pflicht, auf dieses Thema aufmerksam zu machen, da nicht nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen immer stärker darauf ausgerichtet werden, sondern der Druck auch aus dem Wirtschaftssektor stark steigt. Ein Beispiel sind die großen Konzerne am Ende der Lieferkette, die vermehrt Klimaschutzkriterien in ihre Auftragsvergabe mit einbeziehen. Mittelfristig sollte also ein jedes Unternehmen eine Klimaschutzstrategie aufstellen und verfolgen, um am Markt langfristig wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Welche Voraussetzungen gibt es, um als Unternehmen bei der Initiative „Klimafreundlicher Mittelstand“ mitmachen zu können?

Die erste Voraussetzung ist natürlich, dass das Unternehmen gewillt und engagiert ist, seinen CO2-Fußabdruck auch tatsächlich senken zu wollen. Dies wird uns mit der Beitrittserklärung erklärt. Die Initiative baut auf aktive Mitglieder. Einen Mitgliedsbeitrag fordern wir hingegen nicht.

Was bietet die Initiative ihren Mitgliedern an?

Die Initiative bietet ihren Mitgliedern zahlreiche, teils kostenfreie Angebote, die sie konkret dabei unterstützen, ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Dabei ist es nicht entscheidend, ob das Unternehmen noch ganz am Anfang steht oder nur noch Feinheiten seines Fußabdrucks optimieren möchte. Wichtig ist uns, dass sich die Mitglieder mit dem Thema in allen Stufen auseinandersetzen. Und genau das bietet unsere Plattform mit den dazugehörigen Angeboten.

Welche Ihrer Dienstleistungen werden am meisten nachgefragt? Warum?

Aktuell sind die am häufigsten nachgefragten Dienstleistungen im Rahmen der Initiative die CO2-Bilanzierung sowie der darauf aufbauende Klimastrategie-Workshop. Das ist auch logisch. Denn der Carbon Footprint legt den Grundstein für das weitere Handeln. Nur wer seinen unternehmerischen CO2-Fußabdruck kennt und analysiert, kann diesen auch effizient reduzieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Die Initiative hat einen Maßnahmenkatalog für Effizienzmaßnahmen erstellt. Was sind die häufigsten Maßnahmen, die Unternehmen umsetzen? Gibt es eine Maßnahme, die besonders eindrucksvoll ist?

Die häufigsten Maßnahmen sind natürlich die, die sich am schnellsten umsetzen lassen. Beispiele wären die Umrüstung auf LED-Beleuchtung oder auch die Modernisierung der Druckluftkompressoren. Hier lässt sich schnell sehr viel Energie und CO2 einsparen.

In unserem Maßnahmenkatalog befinden sich allerdings auch besonders eindrucksvolle Maßnahmen, wie z.B. die Verstromung ungenutzter Abwärme aus dem Brennprozess. Diese, von einem Mitgliedsunternehmen bereitgestellte Maßnahme erhielt 2019 sogar den Energy Efficiency Award in der Kategorie „Energiewende 2.0“. Wir haben in unserem stets wachsenden Maßnahmenkatalog also ein buntes Spektrum an vielseitigen Best-Practice Maßnahmen zu unterschiedlichen Energieträgern.

Wie steht es in Deutschland um die finanzielle Förderung für mittelständische Unternehmen in Bezug auf Klimaschutzmaßnahmen?

Die Förderlandschaft für mittelständische Unternehmen ist durchaus attraktiv. Es gibt eine Vielzahl von Fördermitteln für die verschiedensten Vorhaben. Allein unsere Fördermitteldatenbank, die kostenfrei zur Verfügung steht, beinhaltet aktuell über 140 Fördermittel zu klimafreundlichen Vorhaben. Und eine Förderung kann sich sehr lohnen, da die staatlichen Förderungen teilweise sechsstellige Beträge umfassen.

In einem Interview der EM-Power Europe mit einem klimaneutralen Unternehmen hat der Geschäftsführer beklagt, dass Klimaschutz in Deutschland viel zu wenig gefördert wird. Im Gegenteil, wenn er mehr Strom verbrauchen würde, müsste er als stromkostenintensives Unternehmen weniger EEG-Umlage bezahlen. Wie sieht Ihr Verband das, braucht es mehr oder andere Anreize für die Unternehmen?

Wenn die Unternehmen die Prozesse, die bislang mit CO2-intensiven Brennstoffen betrieben werden, klimaneutral umstellen wollen, haben sie bislang nur zwei Perspektiven: Die eine ist eine Umstellung auf Wasserstoff. Bis zur Marktreife wird es allerdings noch länger dauern. Die andere Möglichkeit kann eine Elektrifizierung dieser Prozesse sein. Dafür benötigen die Unternehmen günstige Strompreise. Und ja, für beide Wege müsste das politische Engagement noch deutlich erhöht werden.

Ökostrom über den Strommarkt einkaufen, Grünstrom über PPAs beziehen oder in eigene dezentrale Anlagen investieren? Welche Alternativen sind ökonomisch und im Hinblick auf den Klimaschutz am sinnvollsten für Unternehmen?

Sicherlich ist der einfache Bezug von Ökostrom die schnellste und vorerst kostengünstigste Lösung. Für den Klimaschutz am sinnvollsten wäre jedoch der Direktbezug von Strom aus Erneuerbaren Energien, was wiederrum mit höheren Investitionskosten verbunden sein kann und daher nicht für jedes Unternehmen wirtschaftlich ist. Wichtig ist entsprechend, dass wir die Wirtschaftlichkeit mit dem Klimaschutz in Einklang bringen. Denn nur dann wird auch ein jedes Unternehmen zur Zielerreichung der Klimaneutralität bis 2045 beitragen können. Und genau dafür setzen wir uns mit unserer Initiative im politischen Rahmen ein.

Welches Potenzial sehen Sie beim Wasserstoff als Energiequelle für die Industrie in den nächsten Jahren?

Das Potential ist riesengroß. Auch der energieintensive Mittelstand wird in Teilen auf Wasserstoff als CO2-freier Brennstoff angewiesen sein. Darauf weisen wir immer wieder hin. Wir wissen aber, dass es noch dauern wird, bis Wasserstoff allen Unternehmen, die diesen benötigen, in ausreichenden Mengen und zu wirtschaftlichen Preisen zur Verfügung stehen wird.

Der VEA ist mit seiner Initiative Klimaneutraler Mittelstand Partner des EM-Power Forums bei der EM-Power Europe Restart vom 6.-8. Oktober 2021 auf der Messe München. Er moderiert dort eine Session zum Thema klimaneutrale Unternehmen.

Das Interview ist erstmalig erschienen bei EM-Power unter: https://www.em-power.eu/neuigkeiten/experteninterview-mittelfristig-sollte-jedes-unternehmen-eine-klimaschutzstrategie-aufstellen